Satire: Wenn der Jäger zum Sammler wird
Schni-, Schna-, Schnäppchen. “Supergünstig-mit-Tiefpreis-Garantie” und schon ist unser Jagdinstinkt aktiviert. Doch statt WSV und SSV haben wir nun WWW – und damit die längste Versuchung der Welt.
Gedanken zur Jagd durch die schöne neue Warenwelt:
Wer kann da schon Nein sagen?
Ja, ja, die Jägerei steckt uns doch allen tief im Blut! Wenn es den Genforschern nicht gelingt, das Jagd-Gen in der menschlichen DNA zu identifizieren und auszuschalten, dann bleibt Homo sapiens auf unabsehbare Zeit, was er seit Menschengedenken war: Jäger und Sammler. Übrigens, falsch ist die Annahme, dass die einen jagen und die anderen ausschließlich sammeln. In der Regel gehen beide Tätigkeiten Hand in Hand: Was wir jagen, sammeln wir auch. Schauen Sie in die Wohnstube eines passionierten Jägers! Da hängen die Wände voll mit Geweihen und ausgestopften Fasanen. Jedes Exponat verkündet stumm und stolz des Jägers Qualitäten: Spürsinn, Geduld und Treffsicherheit. Dass die weniger Erfolgreichen der Zunft auch schon mal einen Sechzehnender zukaufen und ein bisschen Latein drum herum dichten, gehört zum Geschäft. Auch das ist hinlänglich bekannt: Des Anglers Fisch wächst beim Erzählen zu erstaunlicher Größe.
Nun jagen in unseren Zeiten die wenigsten in freier Natur. Haben wir auch nicht mehr nötig bei so reichhaltig gefüllten Fleischtheken und Tiefkühltruhen. Das Jagd-Gen jedoch fordert Beute und sucht sich deshalb ein neues Beuteschema. Was früher die Jagdsaison war, ist heutzutage der Schlussverkauf. War das einst ein zeitlich eng gefasstes, zweimaliges Ereignis im Jahr, so gibt es derlei Beschränkungen nicht mehr: Irgendwo ist immer Schlussverkauf, weil immer irgendwelche Geschäfte vorübergehend oder für immer Schluss machen. Auch das Jagdrevier ist ungleich größer geworden – dank www jagen wir vom heimischen PC aus auf dem gesamten Erdenrund. Kurzum, jeder kann und darf heute jagen, jederzeit und überall. Und was jagen wir? Alles! Bevorzugt das Schnäppchen. Wo es etwas günstig oder gar kostenlos gibt, kann unser Jagdinstinkt nicht Nein sagen. “20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung!” Und schon sind wir stolze Besitzer eines Prachtexemplars von Katzenbaum. Fehlt nur noch die Katze … Ich kenne jemanden, der wochenlang mit Prospekten bewaffnet durch die Märkte seines Landkreises streift, bis er das ins Visier genommene Wunschobjekt fast geschenkt mit nach Hause nehmen kann. Seine ausgefeilte Taktik: Er bleibt so lange auf Pirsch, bis einer der Anbieter aus dem Sonderangebot einen Restposten gemacht hat. Dass der investierte Aufwand dazu in keinem Verhältnis steht, interessiert diesen Jäger nicht. Womit deutlich wird: Sie birgt auch ein irrationales Moment, die Jagd. Nicht von ungefähr sprechen wir von Jagdleidenschaft und Jagdfieber. Wer diesen beiden verfallen ist, fragt nicht nach Morgen oder Sonnenschein. Schnell sprengt das Volumen erbeuteter Schnäppchen sämtliche Lagerkapazitäten. Wohin mit den Rasenmähern, Teppichen, TV-Geräten, Bodenfliesen, Sofas, Bohrhämmern, überquellenden Kleiderschränken? Wer nicht anbauen oder zumieten kann, dem bleibt nur eBay oder der nächste Sperrmülltermin. Auf den wiederum eine andere Spezies von Schnäppchenjägern lauert.
Halali und Waidmanns Heil!
© phantom-as, MMX



